„Unser Credo: wettbewerbsfähige Qualität“

INTERVIEW. CEO Andreas Matthä und CFO Manuela Waldner über ein bewegtes Jahr 2025 und einen klaren Fokus auf eine Zukunft mit noch höherer Effizienz und kontinuierlich steigender Wettbewerbsfähigkeit.

Manuela Waldner und Andreas Matthä im neuen Cityjet Doppelstock

DAS VORSTANDSTEAM DER ÖBB-HOLDING AG im konstruktiven Dialog, um die Herausforderungen der kontinuierlichen Veränderung proaktiv anzugehen

Herr Matthä, 40 Jahre wurde an der neuen Koralmbahn gearbeitet. Jetzt ist sie fertig. Wie fühlt sich das an? 
ANDREAS MATTHÄ: Richtig gut! Die Koralmbahn hat mich tatsächlich mein gesamtes Berufsleben begleitet. Am Beginn wurde sie als unrealistisches und kostspieliges Projekt angezweifelt und war auch umstritten. Jetzt wurde aus dieser Vision schließlich Wirklichkeit. Die Koralmbahn ist ein einzigartiges Jahrhundertprojekt: Sie lässt eine Region aufblühen, verbindet Menschen und ist Motor für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt – nicht nur im Süden Österreichs, sondern weit darüber hinaus.

Mit der Koralmbahn haben die ÖBB ihr Angebot massiv erhöht. Wie kann man sich das vorstellen? 
MATTHÄ: Durch die Koralmbahn werden die Verkehrsströme in den Süden neu geregelt und massiv erweitert. Bis Dezember 2025 gab es zehn tägliche Verbindungen zwischen Klagenfurt und Wien, mit dem Fahrplanwechsel wurde auf 26 tägliche Verbindungen ausgebaut. Auch zwischen Graz und Wien fahren wir mit 33 Verbindungen pro Tag viel öfter, zusätzlich gibt es nun 20 tägliche Verbindungen auf der Tauernbahn zwischen Villach und Salzburg. Mit dem neuen Interregio-Angebot kommt man zusätzlich inneralpin – also vom Süden in den Westen – besser und öfter voran. Somit bieten wir als ÖBB aktuell 30 Prozent mehr Fernverkehr an als noch vor einem Jahr.

Was ist die bisherige Bilanz der Koralmbahn?
MATTHÄ: Die Koralmbahn ist bereits vom Start weg ein voller Erfolg. Die Menschen freuen sich spürbar über diese neue Strecke und nutzen sie ausgiebig. Noch im Dezember und über die Weihnachtsfeiertage sind viele einfach nur mal auf einen Kaffee oder einen Spaziergang zum Uhrturm nach Graz oder zum Wörthersee nach Klagenfurt gefahren. Warum auch nicht – dauert ja weniger als eine Dreiviertelstunde. Derzeit pendelt sich die Nachfrage auf rund 7.000 Fahrgäste pro Tag ein. Schauen wir mal, wie es sich weiterentwickelt – aber ich bin sehr zuversichtlich.

Die Deutsche Bahn beginnt nach Jahrzehnten massiv in die Bahninfrastruktur zu investieren. Damit gibt es viele Baustellen. Das wird sich auch wieder auf die Pünktlichkeit der ÖBB auswirken. Wie wollen Sie dem begegnen?
MATTHÄ: Grundsätzlich ist es positiv, wenn die deutsche Bahninfrastruktur modernisiert wird. Es ist ja bekannt, dass der überwiegende Anteil unserer Verspätungen ihren Ursprung in unseren Nachbarländern – wie Deutschland – hat und zu uns hineingetragen wird. Durch die deutschen Instandsetzungsarbeiten erhoffe ich mir langfristig Verbesserungen für unsere Pünktlichkeit. Kurzfristig tut es natürlich weh, wenn uns grenznahe Streckensperren zu großräumigen Umleitungsverkehren zwingen. Besonders im massiv unter Druck stehenden Güterverkehr sind die zusätzlichen Kosten durch diese Umleitungen enorm. Wir arbeiten jedenfalls eng mit der DB InfraGO zusammen, um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten.

Wie stand es generell mit der Pünktlichkeit im vergangenen Jahr?
MATTHÄ: 2025 war für die ÖBB in puncto Pünktlichkeit ein Jahr mit Licht und Schatten. Insgesamt konnten wir ein stabiles Niveau halten. Der Fernverkehr erreichte eine Pünktlichkeit von 81,6 Prozent, was angesichts der zahlreichen Verspätungen aus den Nachbarländern nicht schlecht ist. Gleichzeitig sehen wir klar, wo es noch Verbesserungsbedarf gibt, im Nahverkehr lagen wir mit 94,8 Prozent knapp unter unserem Ziel. Auch wenn die ÖBB mit rund 94 Prozent Pünktlichkeit zu den pünktlichsten Bahnen Europas zählen, reicht uns das nicht. Wir wollen hier besser werden. Deshalb investieren wir konsequent in moderne Infrastruktur, neue Züge und bessere Abläufe.

Frau Waldner, die Rail Cargo Group hat das Ergebnis der ÖBB 2025 stark beeinflusst. Was ist passiert? Und geht es 2026 in diese Richtung weiter?
MANUELA WALDNER: Auch 2025 haben die Auswirkungen der längsten industriellen Rezession den Güterverkehr mitten ins Herz getroffen, denn die Nachfrage nach Gütertransporten blieb schwach. Die Rail Cargo Group (RCG) steht noch mehr im Wettbewerb mit dem Lkw. Wir sehen deutlich, dass bei den Transportarten, die in besonderer Konkurrenz zur Straße stehen – Einzelwagenverkehr und Intermodalverkehre –, die Ergebnislücken besonders groß sind. Daher haben wir im Geschäftsjahr 2025 ein Programm zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit aufgesetzt und jeden Bereich genau durchleuchtet. Jetzt geht es an die Umsetzung: Schritt für Schritt muss sich die RCG nachhaltig aus der Krise herausarbeiten. Schlecht laufende Produkte werden eingestellt, bestimmte Transporte wieder selbst abge­wickelt und interne Synergien und Effizienzen gehoben.

„Wir investieren konsequent in moderne Infrastruktur, neue Züge und bessere Abläufe.“

Andreas Matthä, CEO

Muss man sich damit abfinden, dass der Güterverkehr auf der Schiene einfach weniger wird, oder gibt es Möglichkeiten, das wieder zu drehen?
WALDNER: Wir finden uns sicher nicht damit ab: Unser erklärtes Ziel ist die vermehrte Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene. Das ist die einzige Möglichkeit, Klimaziele sowie Wirtschafts- und damit Transportwachstum zu vereinen. Wir sind in Österreich mit 28 Prozent Modalanteil europäischer Musterschüler. In Europa liegt der Wert nur bei 18 Prozent. Unser hoher Anteil ist der Effekt von jahrzehntelanger nachhaltiger Verkehrspolitik und einem klaren Bekenntnis zur Verkehrsverlagerung auf die Schiene. Güterverkehr findet aber primär international statt, also können wir nur gemeinsam handeln: Wir setzen uns für ein europaweit einheitliches Schienennetz und faire Rahmenbedingungen ein, die alle Verkehrsträger gleich behandeln. Wir brauchen einheitliche europäische Eisenbahnstandards und langfristige Finanzierungspläne – auch hier sind wir in Österreich Vorreiter. Wir setzen daher auf Innovation, Digitalisierung und Erweiterung des Produktportfolios, um neue Märkte zu erschließen und Kunden den Umstieg auf die Schiene leichter zu machen. Ein entscheidender Hebel dabei sind beispielsweise multimodale Logistiklösungen inklusive der ersten und letzten Meile – also vom Werkstor bis zum Gleis.

Manuela Waldner im neuen Cityjet Doppelstock

MANUELA WALDNER. „Es ist gut und vernünftig, dass wir jetzt interne Kosten, Strukturen und Prozesse entsprechend fit für die Zukunft machen.“

Was würde ein weiterer Rückgang des Güterverkehrs auf der Schiene für die Klimaziele bedeuten?
WALDNER: In den letzten Jahrzehnten ist der Transportmarkt in Österreich auf der Straße jedes Jahr um durchschnittlich 2,5 Prozent pro Jahr gewachsen – der Schienengüterverkehr hat in der gleichen Zeit nur um circa 1,3 Prozent jährlich zugelegt. Wenn es so weitergeht, sind die Klimaziele also nicht erreichbar. Wir hätten mit dem Schienengüterverkehr einen großen Hebel für die Reduktion klimaschädlicher Emissionen in der Hand: Der Transportsektor ist für rund 10 Prozent der gesamten CO₂-Emissionen verantwortlich, wobei Transporte auf der Schiene im Vergleich zur Straße rund 30-mal weniger CO₂ verursachen. Dieses Potenzial kann aber nur dann wirksam werden, wenn wir die tatsächlichen Kosten der unterschiedlichen Verkehrsträger berücksichtigen: Denn die externen, volkswirtschaftlichen Kosten von Lkw-Transporten – etwa durch Staus, Lärm, Unfälle oder Umweltbelastungen – sind rund sechsmal so hoch wie jene der Bahn. Diese Kosten werden aber größtenteils von der Allgemeinheit getragen.

Österreich muss sparen. Müssen auch die ÖBB kürzertreten? 
WALDNER: Es ist kein Geheimnis, dass überall gespart werden muss, auch die ÖBB haben im Rahmen der Budgetkonsolidierung des Bundes eine Reduzierung der Infrastrukturinvestitionen von 3 Milliarden Euro bis 2030 zu stemmen.

Sie haben 2025 ein Programm zur Steigerung der Wett­­­be­werbsfähigkeit mit dem Namen „Compete“ definiert. Was dürfen wir uns darunter vorstellen und wozu dient es?
WALDNER: Das ist korrekt. Die generell schlechte Wirtschafts­lage und der steigende Wettbewerb machen es auch in unserem Haus notwendig, dass wir unsere operativen Kosten reduzieren. Konkret um 300 Millionen Euro jährlich, mit dem Ziel, ein attraktiver und wettbewerbsfähiger Player auf dem europäischen Mobilitätsmarkt zu sein. Wir verschlanken Abläufe, reduzieren Kosten, digitalisieren Prozesse und halten gleichzeitig Qualität sowie Zuverlässigkeit hoch. Es ist gut und vernünftig, dass wir jetzt interne Kosten, Strukturen und Prozesse entsprechend fit für die Zukunft machen.

„»Automatisierung, Digitalisierung und KI sind längst in unserem Arbeitsalltag angekommen.“

Manuela Waldner, CFO

Stichwort Wettbewerbsfähigkeit: Der Wettbewerb im Personen- und Güterverkehr steigt. Was ist die Strategie der ÖBB, um weiterhin Nummer eins zu bleiben? 
MATTHÄ: Wir stehen heute schon in weiten Bereichen in Konkurrenz zu anderen Mitbewerbern oder auch anderen Verkehrsträgern. Wichtig ist, dass wir erstens unsere Fahrgäste noch klarer im Fokus haben. Um auch zukünftig konkurrenzfähig zu bleiben, konzentrieren wir uns darüber hinaus auf Qualität, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit – unsere Kernleistungen, die nicht zur Diskussion stehen dürfen. Im Personenverkehr haben wir bis 2030 ein Investitionspaket in Höhe von rund 6,1 Milliarden Euro am Laufen – für über 330 neue, moderne Züge. Und wir bieten als einziges Mobilitätsunternehmen österreichweit ein dichtes Netz und abgestimmte Anschlüsse an den integrierten Taktfahrplan.

WALDNER: Schauen wir der Realität ins Auge. Wir sind im Wettbewerb mit anderen Schienengüterverkehrsunternehmen, aber besonders macht uns der Lkw Konkurrenz. Die Straße produziert um 60 Prozent der Kosten, die auf der Schiene anfallen. Nur über den Preis können wir im Wettbewerb hier nicht gewinnen. Wir müssen also mehr anbieten: flexiblere Lösungen, internationale Standortpräsenz und effiziente Verbindungen wie unsere TransFERs direkt von und zu den großen internationalen Wirtschaftszentren und Häfen. Im Januar 2026 haben wir daher zwei neue konventionelle TransFER-Verbindungen implementiert, nämlich Duisburg – Rotterdam und Salzburg – Offenbach. Und wir müssen an den Stellschrauben drehen, die wir selbst in der Hand haben. Äußere Rahmenbedingungen können wir nur zum Teil beeinflussen. Unser Credo lautet: wettbewerbsfähige Qualität. Was ist damit gemeint? Wenn wir die Qualität liefern, die wir uns vorgenommen haben, dann hilft uns das, eine profitable Kostenstruktur zu erreichen – Qualität und Kosten gehen Hand in Hand.

Die ÖBB wachsen auch im süddeutschen Raum. 
Sie haben eine große Ausschreibung rund um Arverio gewonnen. Was war dafür entscheidend und wie passt das in die Gesamtstrategie?
WALDNER: Durch die Akquisition von Arverio in Deutschland konnten wir unsere Präsenz im deutschen Regionalverkehr aufbauen. Deutschland ist der größte Bahnmarkt Europas und bietet langfristig stabile Verkehrsverträge im Regionalverkehr. Durch Arverio erhalten die ÖBB direkten Zugang zu bestehenden Netzen, Personal und Know-how vor Ort. Darüber hinaus erhielt Arverio Baden-Württemberg im August 2025 den wichtigen Zuschlag für das Netz 35b, der fünf Linien und in der finalen Ausbaustufe bis zu 10,3 Millionen Zugkilometer pro Jahr bringt. Dies ist ein Beweis für den Erfolg von Arverio in Deutschland und stärkt die internationale Wettbewerbsfähigkeit und die strategische Position der ÖBB auf dem europäischen Mobilitätsmarkt.

Auch in Österreich arbeiten die ÖBB täglich an ihrer Modernisierung. Wie schreitet die Digitalisierung voran? 
WALDNER: Automatisierung, Digitalisierung und KI sind längst in unserem Arbeitsalltag angekommen. Wir sehen sie als Hebel, um Komplexität zu reduzieren, Effizienz zu steigern und unser Unternehmen zukunftsfit aufzustellen. So haben wir nach intensiver Vorbereitung etwas sehr Großes geschafft, nämlich die Cloud-Migration unseres ERP-Systems. Unser Anspruch ist es, technologisch am Puls der Zeit zu sein und sämtliche Cloud-Funktionalitäten nutzen zu können. Ein zweites Beispiel ist die Digitalisierung des Zugfahrtmanagements – etwa indem wir die Buchfahrpläne, die unterjährig zehnmal aktualisiert werden, digital zu den Kolleg:innen auf die Fahrzeuge bringen. Das vereinfacht Abläufe und senkt zudem Kosten. Mit Blick in die weitere Zukunft schauen wir uns Use-­Cases für autonomes Fahren an. Und wir beschäftigen uns mit dem Einsatz von KI im Bereich der Predictive Maintainance.

Trotz Sparkurs – die ÖBB wachsen und haben pensionsbedingte Abgänge. Heißt: Die ÖBB suchen auch dieses Jahr wieder 4.100 neue Mitarbeiter:innen?
MATTHÄ: Um den Personalbedarf zu decken setzen wir neben klassischen Recruitinginstrumenten auch auf innovative Ansätze über soziale Medien oder etwa das konzerninterne Jobanbahner:innen-Programm. Dass diese Maßnahmen wirken, zeigt sich deutlich: Im Jahr 2025 verzeichneten wir einen Rekord von 140.000 Bewerbungen, 20.000 mehr als im Jahr davor. Wir haben uns in den vergangenen Jahren zum viertbeliebtesten Arbeitgeber hochgearbeitet – das zeigt natürlich die Strahlkraft der ÖBB und freut uns ganz besonders.

Andreas Matthä im neuen Cityjet Doppelstock

ANDREAS MATTHÄ. „Um auch zukünftig konkurrenzfähig zu bleiben, konzentrieren wir uns auf Qualität, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit – unsere Kernleistungen, die nicht zur Diskussion stehen dürfen.“

2026 sehen viele als ein Jahr der großen Veränderungen. Wo stehen die ÖBB am Ende dieses Jahres? Können Sie uns da eine erste Einschätzung geben? 
WALDNER: Ziel ist eine Trendumkehr im Güterverkehr. Das kann nur gelingen, wenn sich die Wirtschaft wieder erholt und wir uns voll auf die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit fokussieren.

MATTHÄ: Dafür setzen wir uns klare Prioritäten: Wir stemmen durch die neue Koralmbahn eine der größten Fahrplanausweitungen unserer Geschichte. Im Sinne unseres obersten Anspruchs, die Kund:innen zufriedenzustellen, muss sich das betrieblich im heurigen Jahr gut einspielen. Parallel dazu gilt es, die Basis für ein gesundes Wachstum zu sichern. Das heißt, dass wir unsere internen Kosten und Prozesse auf Vordermann bringen und unseren Expansionskurs fortsetzen.

Vielen Dank für dieses Gespräch!